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Doppelte Abhängigkeit Tabak-Cannabis: Ein noch schwierigerer Entzug?

Der Konsum von Tabak und Cannabis kommt immer häufiger vor, vor allem bei Teenagern. Diese Mischung führt zu einer Verstärkung der psychoaktiven Effekte, was zu einer starken Abhängigkeit und einem schwierigeren Tabakentzug führt. Hier eine Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse.

cannabis

Zusammenhänge zwischen Tabak und Cannabis

Personen, die Zigaretten rauchen, konsumieren öfters Cannabis als Nichtraucher. Cannabis-Raucher sind sehr oft vom Nikotin abhängig. Die Mischung Tabak-Cannabis ist vor allem bei jungen Leuten sehr verbreitet. Dieselbe Tendenz lässt sich bei Erwachsenen feststellen, auch wenn der Cannabiskonsum nach 25 Jahren abnimmt. Bei westlichen Jugendlichen wird die Zigarette in mehr als 25% der Fälle zum Rauchen des Cannabisharzes, dem Haschisch, gebraucht. Der Joint besteht also aus Tabak und Haschisch. Oft fangen die jungen Leute mit Zigarettenrauchen an und mischen dann Haschisch darunter. Dennoch zeigen verschiedenste Studien, dass der Cannabis-Konsum die jungen Nichtraucher ebenfalls zu Tabakkonsumenten machen kann. Die jungen Erwachsenen, die Cannabis konsumieren, haben ein grösseres Risiko, nikotinabhängig zu werden, vor allem wenn Cannabis oft und in jungen Jahren konsumiert wird. Eine in Schottland im Jahr 2004 durchgeführte Studie hat so gezeigt, dass für einen Nichtraucher der tägliche Cannabiskonsum im Alter von 21 Jahren das Nikotinabhängikeitsrisiko dreimal erhöht (1). Patton et al. haben im Jahr 2005 gezeigt, dass Jugendliche, die nie geraucht hatten, aber schon Cannabis konsumiert hatten, ein um 8.4-Mal höheres Risiko hatten, Tabak zu rauchen, als Jugendliche, die nie Cannabis konsumiert hatten. Die Studie zeigt ebenfalls auf, dass tägliche Cannabis-Konsumenten, wenn sie mit 20 Jahren nicht nikotinabhängig waren, ein um 3.6-Mal höheres Nikotinabhängigkeitsrisiko im Alter von ungefähr 24 Jahren hatten (2). So weiss man heute, dass der Tabakkonsum den Schritt zum Cannabiskonsum erleichtert, und umgekehrt. Ausserdem beeinflussen sich Tabak und Cannabis gegenseitig. Diese Interaktion ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt. Man weiss allerdings, dass der Tabak die Verdampfung des THC (Tetrahydrocannabinol) beschleunigt, der psychoaktiven Substanz des Cannabis, die für die Abhängigkeit verantwortlich ist, was den Effekt des Cannabis verstärkt (3). Ausserdem soll THC die durch Nikotin hervorgerufene Aengstlichkeit abschwächen und die Cannabis-Raucher sagen, dass sie Tabak beimischen, um den beruhigenden Wirkungen des Cannabis entgegenzuwirken (4). Zahlreiche Einflüsse der Umwelt, aber auch genetische und soziale Einflüsse sind sicherlich auch in Betracht zu ziehen, um den gleichzeitigen Tabak- und Cannabiskonsum zu erklären. Die Konsumenten realisieren selbst, dass Cannabisrauchen die Tabakabhängigkeit verstärkt (5). 22 zwischen 15 und 21 Jahre alte Jugendliche, die im Jahr 2009 im Rahmen einer Studie befragt wurden, haben angegeben, dass der Konsum einer der beiden Substanzen zunehmen würde, wenn sie versuchen würden, den Konsum der anderen zu drosseln oder abzusetzen (6).

Tabak- und Cannabisraucher: Ein schwierigerer Tabakentzug

Bei doppelter Abhängigkeit ist der Tabakentzug schwieriger. Die Studien der letzen Jahre zeigen, dass der Cannabiskonsum die Tabakstopp-Erfolgschancen vermindert. Wissenschaftler aus Baltimore haben während 13 Jahren Tabakraucher beobachtet, wovon gewisse ebenfalls Cannabis rauchten. Diese Studie basiert auf 431 Erwachsenen, die zum Zeitpunkt einer ersten Studie im Jahr 1981 weniger als 45 Jahre alt waren, angegeben hatten, Tabak zu konsumieren, in 41% der Fälle keinen Cannabis konsumierten, in 27% der Fälle mindestens einmal im letzten Monat Cannabis konsumiert hatten, und in 9% der Fälle täglich während mindestens 15 Tagen im letzten Monat Cannabis konsumiert hatten, und die nochmals 13 Jahre später befragt worden sind. Was lernt man aus dieser Studie? Die Tabakraucher, die regelmässig Cannabis konsumierten, waren 13 Jahre später 3-mal häufiger weiterhin Raucher als "einfache" Zigarettenraucher (7). Aus neueren Studien geht hervor, dass viele Tabak- und Cannabisraucher mit Zigarettenrauchen aufhören möchten, aber weiterhin Cannabis konsumieren möchten. Cannabis wird als natürlicher wahrgenommen, weniger schädlich und weniger süchtig machend wie Tabak (8). Nun ist es aber so, dass das Weiterrauchen von Tabak in den Joints die Nikotinabhängigkeit und die Gewohnheit der Gestik aufrechterhält. Cannabis führt also eher zum Rückfall nach dem Tabakstopp. «Die Tabakentzugsbremse sollte als eines der grössten Risken des Cannabis betrachtet werden», schliessen die Autoren der im Jahr 2002 in Baltimore durchgeführten Studie.

Tabak- und Cannabis-Raucher: Welcher Entzug?

Man hat lange gedacht, dass es einfacher wäre, zuerst eine Substanz abzusetzen, und dann die andere. Neuere Studien haben dies allerdings hinterfragt. So fanden die Hälfte der Teilnehmer einer im Jahr 2008 durchgeführten Studie, dass es einfacher war, die beiden Substanzen gleichzeitig abzusetzen, während die andere Hälfte fand, dass es einfacher war, zuerst die eine und dann die andere Substanz abzusetzen. Heutzutage wird empfohlen, die beiden Produkte gleichzeitig abzusetzen, ob nun eine Cannabis-Abhängigkeit vorhanden ist oder nicht, wenn die Motivation für den Stopp beider Produkte vorhanden ist. Zur Zeit gibt es noch zu wenige spezifische Studien zum doppelten Entzug und es gibt (noch) kein klar definiertes therapeutisches Protokoll. Man weiss allerdings dass die Betreuung spezifisch sein sollte, vor allem weil ängstlich-depressive Phasen beim doppelten Entzug häufig sind. Die Betreuung des Cannabis-Tabak-Entzugs sollte eine Behandlung beinhalten, die es erlaubt, die THC- und die Nikotinabhängigkeit gleichzeitig zu behandeln. Eine der heutzutage vorgeschlagenen Lösungen? Eine Behandlung mit genügend hoch dosierten, kombinierten Nikotinersatzprodukten (Patch + orale Verabreichungsform wie Kaugummis, Lutschtabletten oder Inhalator) und eine Behandlung, die den durch den THC-Mangel verursachten Stress beruhigt. Dazu kommt eine psychologische Betreuung (9). Auf alle Fälle muss das Tabak-Cannabis-Problem unabhängig von der Rauchstoppart in seiner Gesamtheit angegangen werden. Neue Behandlungen, die spezifisch auf die dem Nikotin und dem Marijuana gemeinsamen Neurotransmitter ausgerichtet wären, wären der Idealfall (10). Für diejenigen, die weiterhin Cannabis rauchen, aber mit dem Tabak aufhören möchten, stellt sich die Frage, wie der Cannabis ohne Tabak verabreicht werden kann: z.B. Konsum als Tee oder durch Krautpfeifen. Dabei stellen sich allerdings zahlreiche neue Probleme: ein Kompensationsrisiko (mehr konsumierter Cannabis), eine schwierig einzustellende Dosierung, ein Beibehalten des Konsumverhaltens, ..., abgesehen von der Schädlichkeit des Cannabis (11).
Es gilt nun, mehr Studien zu den Zusammenhängen zwischen dem Tabak und dem Cannabis zu erstellen, um danach den Konsumenten über die Gefahren der einen, der anderen und beider Substanzen zusammen zu informieren. Dadurch könnte die Betreuung der Konsumenten beider Substanzen, des Tabaks und des Cannabis, verbessert werden. Angesichts der Anzahl Konsumenten scheint dies dringend nötig.

Bibliographie

Um mehr darüber zu erfahren

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Autor: Anne-Sophie Glover-Bondeau / Juni 2011